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Mal so gesehen …

Ansichten, Sichtweisen, Einblicke, Durchblick und mehr gewähren wechselnde Autoren an dieser Stelle. Meldet sich Gabor Baksay zu Wort, nimmt er in der Regel die großen Ausstellungen wortspielerisch unter seine Lupe.

Das KuK-Team berichtet von Wissenswerten, was sich so zwischen Transport, Hängung und Gesprächen abspielt. Ab und zu tauchen auch Experten tiefer ein in kunstwissenschaftliche oder restauratorische Details rund um einzelne Werke. Auf jeden Fall wird’s hier persönlich – und spannend. Es sei explizit betont, dass diese Rubrik einen subjektiven Charakter hat.

SHIFT-Photo-Gruppenausstellung
Teil 3

Dritter und letzter Teil der Textserie von Gabor Baksay.

 


Gabor Baksay hat sich intensiv mit der Gruppenausstellung „SHIFT Photo“ im Kunst- und Kulturzentrum (KuK) der StädteRegion Aachen in Monschau (bis 31. März zu sehen) auseinandergesetzt, mit den Künstler*innen gesprochen, seine eigenen Eindrücke und Gedanken zu den Werken einfließen lassen. Resultat ist eine umfangreiche Besprechung aus seiner ganz persönlichen, subjektiven Perspektive. 

 

Im dritten und letzten Teil der dreiteiligen Textserie geht er näher ein auf die gezeigten Fotografien/Werke von Marco Rose, Johanna Reich und Ernst Wawra.


SHIFT MarcoRose ReinerSensibel und respektvoll kommen die intimen Portraits daher, die Marco Rose von Peter Reiner gemacht hat. Mehrfach als Bankräuber vorbestraft, hat dieser insgesamt 45 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Offensichtlich konnte die lange Knasterfahrung das Selbstbewusstsein des Portraitierten nicht brechen. Man sieht ihm die klammheimliche Freude an, mit der er seine Macho-Posen mit Hantel, Pilotenbrille und halb entblößtem Oberkörper einnimmt. Während ihm die Ärmlichkeit seiner Behausung nicht im Geringsten unangenehm zu sein scheint, sonnt er sich genießerisch in der Aufmerksamkeit, die ihm der Fotograf zuteilwerden lässt.

Dieser hat, im Gegensatz zu seiner zurückliegenden Ausstellung im KuK, den Röntgenblick seiner brutalistischen Scharfzeichnungsfilter weggelassen und konzentriert sich auf einen schlüssigen Bildaufbau, eine zurückhaltende, aber kraftvolle Schwarz-Weiß-Komposition und – in diesem Fall das A und O der Sache – auf eine einfühlsame Psychologie.

Man sieht den Fotos zweifelsfrei an, dass der Fotograf eine enge Beziehung zu seinem Model geknüpft haben muss. Sonst wäre die nonchalante, wie selbstverständlich erscheinende Intimität der Aufnahmen nicht erklärbar. Erst recht nicht, wenn ein „schwerer Junge“ wie Peter Reiner sich in Pantoffeln und Stützstümpfen fotografieren lässt, als wäre das unter Knackis von Welt das Outfit der Stunde. (Foto: Marco Rose – Reiner)

Marco Rose erläutert, wie nah und Peter Reiner sich kommen mussten, bis dieses offensichtliche Vertrauensverhältnis entstand:

„Mir ist es eigentlich egal, ob ich einen Kanzlerkandidaten, einen Bankräuber oder eine Prostituierte fotografiere. Ich bilde mir ein, dass ich diesen Menschen auf die gleiche Art und Weise begegne. Die Augenhöhe ist entscheidend. Das merkt auch jemand wie Peter Reiner ganz schnell. Ich habe ein paar Stunden an einem warmen Sommernachmittag mit ihm verbracht. Wir haben zuerst eine Weile gesprochen, dann haben wir die Fotos aufgenommen. Er war ausgesprochen lustig. Am Ende hat er mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für ihn an die Côte d’Azur zu fahren. Dort warte noch viel Geld auf ihn. Und ein schicker Benz. Mir würde eine Beteiligung winken, wenn ich alles besorgte. „Das hier ist doch nicht mein Leben“, hat er gesagt und auf sein karges Heim gezeigt. Es war komisch und traurig gleichermaßen: Der Traum von einem Leben in Reichtum war offenbar das, was ihn noch aufrecht gehalten hatte. Ich spüre heute noch eine Gänsehaut auf dem Rücken, wenn ich an diese Begegnung zurückdenke. Ein Portrait ist letztlich immer das Ergebnis einer Begegnung zweier Menschen. Ist diese intensiv, ist das die beste Voraussetzung für ein gutes Bild.“

Zum Schluss überkommt mich dann doch eine gewisse Scheu, den vorletzten Raum der Ausstellung zu betreten. Nach allem, was ich darüber gehört hatte und schlüssellochartig vorab erblicken konnte, spricht alles dafür, dass Johanna Reichs Wiedergängerinnen der Kunst – „Resurface“ – ein Höhepunkt der Ausstellung sein dürfte.

In der Tat ist der erste Eindruck des Raumes verstörend durch dessen Kargheit. Ein gutes Zeichen also! Wie am Schnürchen aufgereiht sind durch die Leere des Raumes verschwindend klein wirkende Polaroids mit merkwürdig ätherisch wirkenden Frauenköpfen. Daneben in Winzigkleinschrift beschriftete Textlegenden, ebenfalls als Polaroid.
Die Frauenköpfe zeigen verstorbene, zum Großteil in Vergessenheit geratene Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Textlegenden sind Ausschnitte aus den Wikipedia-Artikeln zu den jeweiligen Künstlerinnen und sind am Ende willkürlich abgeschnitten. So wie sich der Tod ja auch nicht einen besonders sinnreichen Lebensabschnitt des Sterbenden aussucht, sondern in gnadenloser Zufälligkeit 
operiert, sind die Textabschnitte nicht dann zu Ende, wo es besonders plausibel wäre, sondern dann, wenn die physikalische Fläche des Polaroids eben zu Ende ist.
Der Eindruck, sich in einer Krypta zu befinden, wird unterstrichen durch die zentrale Projektion des Raumes, die den geisterhaften Bildentstehungsprozess des Polaroids als langsames Auftauchen aus dem Nichts filmisch dokumentiert.

Die Künstlerinnenportraits erinnern nicht nur zufällig an die im späten 19. Jahrhundert populäre Post-mortem-Fotografie. Darin wurden Verstorbene zu teilweise pittoresken Formationen arrangiert und zu Erinnerungs- und Erbauungszwecken abfotografiert. Natürlich waren Johanna Reichs Künstlerinnen beim Fotografiertwerden nicht tot, aber ihr gespenstisches Wiederauftauchen, ihr „Resurface“, hat mehr mit einer spiritistischen Séance gemeinsam als mit einer Künstlerinnen-Dokumentation bei, sagen wir: Arte.

In dieselbe Kerbe des Absonderlichen schlägt die Winzigkleinschrift der Wikipedia-Artikel. Diese ähnelt sogenannten Mikrogrammen, deren berühmteste die „Bleistiftgebiete“ von Robert Walser sein dürften. Mikrogramme sind bevorzugte Kommunikationsformen von Geistesgestörten (Walser starb in einer Schweizer Nervenheilanstalt), Gefängnisinsassen und Autisten. Zumindest mit der ersten Gruppe fühlen sich Künstler – jedenfalls die guten – vom Wesen her solidarisch, manche sogar geistesverwandt.

Auf lebende Künstlerinnen dürfte es katharsisch wirken, diesen „Club der toten Künstlerinnen“ abzuschreiten. Vielleicht erlebt die eine oder andere von ihnen, wie die Schüler in dem Film mit Robin Williams, ihr ganz persönliches „Carpe Diem“. Ich jedenfalls kann angesichts dieser gespenstischen Aktivistinnen eines magischen Feminismus nur freudig ausrufen: #MeToo!

PS: Bei aller Freude am metaphysischen Feminismus sollte man keinesfalls die Beschäftigung mit den abgebildeten Künstlerinnen vergessen! Um die Künstlerinnen später ergoogeln zu können, empfiehlt es sich, entweder deren 60 Namen ebenfalls auswendig zu lernen (haben Sie die Namen der 13 Fotografen noch in Erinnerung?) oder, wie ich es vorgezogen habe zu tun, die Polaroids abzufotografieren (Fotografieren ist in dieser Ausstellung ausdrücklich erlaubt!).

In aller Kürze, hier meine persönlichen Highlights der erste Recherchen:
Amrita Sher-Gil (die indische Frida Kahlo), Vanessa Bell (Matisse oder Cézanne, suchen Sie es sich aus, für hypersensitive), Irene Rice Pereira (eine sehr eigensinnige, geometrische Abstraktion), Lotte Reininger (Superstar der frühen Animation), Mina Loy (Poetin, Dramatikerin und Muse der Bohème) und unbedingt empfehlenswert: Grete Stern (Surrealistin und für mich eines der größten fotografischen Erweckungserlebnisse der vergangenen Jahre).

Auf jeden Fall kristallisiert sich schnell der Eindruck heraus, dass das erdrückende Übergewicht männlicher Künstler in der Kunstgeschichte angesichts dieses bislang weitgehend ungehobenen Schatzes an Talent und Vision nicht nur ungerechtfertigt, sondern geradezu absurd ist.

 

Zwei Fragen an Johanna Reich:


Ist folgende Behauptung von Charles Baudelaire korrekt: Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und Faulen.
Ja, wie lustig. Ich sehe mich klar als unbegabte und faule Malerin, die mit dem Licht malt, das also mit „Photographin“ übersetzt werden kann: verfolgt von Jahrhunderten der Malereigeschichte und fleißigem Pinseln im Nacken habe ich dem Scheitern ins Auge geblickt…

Benutzt du die Videofunktion deiner Kamera?
Ja, unbedingt. Darin liegt auch mein Hauptinteresse begründet: ein Prozess in Bildern. Mich interessiert dabei die Unbeweglichkeit von Bewegtbildern und die Bewegung von stehenden Bildern.

 

SHIFT Wawra HohesVennErnst Wawra schießt seine Fotos von einem Heißluftballon aus, vorzugsweise im 90°-Winkel senkrecht nach unten. Die so entstehenden, wie Schautafeln wirkenden Plateaus bestechen durch ihre geometrische Aufgeräumtheit und ihre malerische Qualität. Dabei ist es einerlei, ob Wawra Landschaften, Wiesen, Parkplätze oder Gebäude fotografiert, allen gemeinsam ist die gravitätische Erhabenheit des „Point of God“. Damit ist selbstverständlich nicht die Position unangreifbarer Macht gemeint, sondern eine zwar überirdisch wirkende Distanz, aber der dennoch liebevolle Bezug zu den Dingen und dem Geschehen auf der Erde. (Foto: Ernst Wawra – Hohes Venn)

Vier Fragen an Ernst Wawra:

Glaubst du an Gott?

Für mich befindet sich Gott nicht über den Wolken und schaut vom Himmel aus auf die Erde, sondern Gott steckt in allem, was sich auf der Erde manifestiert - sei es Mensch, Tier, Pflanze oder Stein. Das ist eine pantheistische Anschauung, wenn man so will… wobei ich mich durchaus mit der Spiritualität des Christentums verbunden fühle. […] Aber meine Fotos an sich haben nichts mit Glauben oder Nicht-Glauben zu tun.

Diese Frage habe ich bereits zweien deiner Kollegen gestellt, also auf zum dritten Mal: Ist die folgende Behauptung von Charles Baudelaire korrekt? Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und Faulen.
Leute mit einer Anstrengungsphobie kommen mit einem Foto vermutlich schneller zu einem Ergebnis als mit einer leeren Leinwand. Anderseits ist das schnelle Ergebnis ja auch nicht das erstrebenswerte oder das nachhaltige Ziel. Ein Fotograf kann genauso viel Aufwand betreiben wie ein Maler, und bis zum vermeintlich einfach daherkommenden Foto kann man einen sehr langen Weg hinter sich haben, so wie ein einfaches Gedicht nicht so schnell geschrieben wurde wie man es liest.

Was sagst du zu dieser Binsenweisheit: Das Foto macht immer noch der Fotograf, nicht der Apparat?
Bei einer Überwachungskamera sind es ca 99,9 % Apparat und 0,1 % die Person, die den Bildausschnitt eingerichtet hat. Bei einem Berufsfotografen sind es mindestens 90%, würde ich mal sagen. Er wird mit jedem Apparat ein gutes Foto machen können. Es ist müßig, sich hier generell festlegen zu wollen. Ein musikalischer Virtuose wird auch ein einfaches Musikinstrument zum Klingen bringen. Aber erst mit seinem eigenen Instrument, das er schon lange kennt und das er im Detail beherrscht, gelingt ihm die Perfektion.

Henri Cartier-Bresson war besessen von „dem einen Moments“ und konnte stundenlang irgendwo warten, um dann genau ein Foto, DAS Foto zu machen. Kommt dir diese Haltung bekannt vor?
Natürlich! Am intensivsten sind aber die Momente, die man gern fotografiert hätte, aber die Kamera nicht am Start hatte. Diese Momente prägen sich dramatischer ins Gedächtnis ein als alle anderen. Aber man kann sie leider nicht mit anderen teilen.

 

Gabor Baksay

 


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