Werk des Monats Juni 2026: Stefan Moses, Arturo Brachetti in „Flic Flac – ein politisches Variete“.
In diesem Monat gibt es einen kleinen Sneak-Peek auf unsere kommende Ausstellung „Mysterium der Paare“. In dieser können Sie Stefan Moses Porträt ab dem 09. August bewundern:
1981 gründete André Heller anlässlich der Wiener Festwochen das „poetische Varieté“ Flic Flac. Ziel des Künstlers und Theatermachers war es, mit dem Varieté ein Festival der Fantasie zu erschaffen. Er lud unter anderem den damals erst 24-jährigen Zauberkünstler Arturo Brachetti ein, im Varieté zu spielen. Diesen hatte er zuvor während eines Auftritts in Paris gesehen. Schon damals war Brachetti auf Verwandlungsnummern spezialisiert. Als Moderator des Flic Flac schlüpfte er während der Aufführung in unzählige Rollen und unterhielt das Publikum ebenso mit eigenen illusionistischen Nummern.
Stefan Moses fotografierte 1981 das Ensemble des Flic Flac. Moses, der seine Karriere als Theaterfotograf nach dem Zweiten Weltkrieg am Nationaltheater Weimar begann, hatte von jeher eine große Affinität zur darstellenden Kunst. Die skurrilen und schrillen Charaktere des Varietés fing er für die Nachwelt ein. Der Einführungstext zum später erschienenen Bildband, der von Hellers Texten ergänzt wird, erläutert das Programm:
„Euer verratenes Eigentum
bringen wir zurück:
die Bilder der Herrlichkeit und des Abschaums
die Bewegungen der Magier und Schattenmeister
die Musik der gefürsteten Schnurpfeifer
die Dramollette des leuchtenden Jammers
die Losungsworte verwunschener Spiegelmenschen
die Lachakrobatik,
die Grammatik der Wunder!“
Arturo Brachetti wird gemäß seiner Funktion innerhalb des Stücks in mehreren Rollen von Moses porträtiert, unter anderem im hier gezeigten Kostüm, das seine besonderen Fähigkeiten als Verwandlungskünstler erahnen lässt. Wie für Moses typisch, sind alle Charaktere vor einem grauen Tuch dargestellt. Brachettis Kostüm ist hier zweigeteilt: Auf der linken Seite mimt er einen gut gekleideten Herrn im Anzug, während seine rechte Seite in einem bodenlangen und aufwendig verzierten Kleid steckt. Auch die Haare und das Make-up seiner rechten Gesichtshälfte stehen im starken Kontrast zueinander: Links sind die halblangen Haare streng nach hinten gekämmt und dunkel, während die rechte Seite in kunstvolle blonde Wasserwellen gelegt ist.
Derlei Darstellungen einer Person mit vermeintlich zwei Geschlechtern sind seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Eine der berühmtesten Darstellungen ist sicherlich die Karikatur des sogenannten Chevalier d’Éon aus dem Jahr 1777, die sich heute in der National Portrait Gallery in London befindet. Diese verweist jedoch auf die vermeintliche Transidentität des Adligen, der sich in der Gesellschaft sowohl als Mann als auch als Frau bewegte.
Bei Arturo Brachetti stand jedoch stets die Lust an der Verwandlung im Mittelpunkt, von der er sich klar zur Travestie abgrenzte, wie er selbst in einem Interview mit Eileen Heerdegen 1981 betonte: „Mich in eine Frau zu verwandeln, weißt du, das macht mir genau so viel Spaß, wie mich in einen alten Mann zu verwandeln. Verstehst du, es macht mir auch nicht mehr Spaß, eine Frau zu spielen. […] Es ist eine Verwandlung wie jede andere … Mir gefällt daran ein bisschen, dass sie das Publikum in Unruhe versetzt. Es neugierig macht.“ (aus „… inmitten von Wundern selbst ein Wunder zu sein.“, erschienen in der taz vom 18.09.1981)
Das aufwendige Varieté wurde nicht nur in Wien aufgeführt, sondern machte ebenso in anderen europäischen Städten Halt. Arturo Brachetti zählt heute zu den bekanntesten Verwandlungskünstlern der Welt und genießt in seiner Heimat Italien Kultstatus.