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Mal so gesehen …

Ansichten, Sichtweisen, Einblicke, Durchblick und mehr gewähren wechselnde Autoren an dieser Stelle. Meldet sich Gabor Baksay zu Wort, nimmt er in der Regel die großen Ausstellungen wortspielerisch unter seine Lupe.

Das KuK-Team berichtet von Wissenswerten, was sich so zwischen Transport, Hängung und Gesprächen abspielt. Ab und zu tauchen auch Experten tiefer ein in kunstwissenschaftliche oder restauratorische Details rund um einzelne Werke. Auf jeden Fall wird’s hier persönlich – und spannend. Es sei explizit betont, dass diese Rubrik einen subjektiven Charakter hat.

Howard Greenberg Sammlung „From Archive to History“

Ausstellung im KuK Monschau bis zum 22.9.2019

Foto: Horst P. Horst – Carmen Face Massage, New York, 1946, Horst Estate Conde Nast

 

Horst P Horst Carmen Face Massage New York 1946 Horst EstateConde NastDie Räume des KuK halten in pastoraler Stille Siesta. Der Uhrzeiger hat seine Bewegung endgültig eingestellt und verweilt im ewigen Jetzt majestätischer Ruhe und Zeitlosigkeit. Die noblen Abzüge von höchster Qualität wirken in ihrem sepia-getönten Schwarzweiß wie einbalsamiert, für die Ewigkeit zurecht gemacht. Vulgäres „Ich! Ich! Ich!“-Geschrei eitlen Kunstsein-Wollens wird man hier ebenso wenig finden, wie den angesagten Clickbait aktueller Fotokunst: „Bigger is Better“. Die Exponate der Sammlung ruhen unaufgeregt selbstbewusst in sich selbst, in Gestalt intimer bis mittlerer Formate.

 

Der Spiritus Rector dieser Sammlung, Howard Greenberg, bezeichnet sich selbst in bestem Sinne als altmodisch: „I’m just not a contemporary person.“ Auch wenn er - quasi der Form halber - inzwischen auch hervorragende Ausstellungen von Gegenwartsfotografen ausrichtet, hängt sein Herz eindeutig an den Klassikern. Seine handverlesene Sammlung - selbstverständlich ausschließlich Premium-Abzüge - gleicht einem Who is Who der klassischen Fotografiegeschichte und ist inzwischen auf sagenhafte 30.000 Stück angewachsen.

 

Nichtsdestotrotz wäre es nicht im Sinne des Erfinder, dieses Mausoleum fotografischer Heiligtümer ehrfürchtig flüsternd zu durchschreiten.

Was nämlich Greenberg neben seinem Kennerblick für zeitlose Qualität ebenfalls auszeichnet,

ist die lockere Unkompliziertheit, mit der er sein hochkulturelles Geschäft betreibt. In der persönlichen Begegnung verblüfft der weltweit renommierte Galerist und Sammler durch das vollständige Fehlen von Snobismus und Prätention. „Ich habe immer darauf bestanden, dass meine Galerie Freundlichkeit ausstrahlt und dass man sie ohne Schwellenangst betreten kann. Das hat seinen Ursprung in meiner genetischen Abwehrreaktion gegenüber der Einschüchterungspolitik elitärer White-Cube-Galerien“, bekennt er in lässiger Yankee-Manier dem Focus Fine Art Photography Magazine, „Ich bin ein freundlicher Typ. Ich mag Leute und ich mag es, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich möchte, das meine Galerie auch so wirkt.“

 

So distinguiert die Ausstellung beim Eintreten wirkt, ändert sich das dramatisch, sobald man näher an die Bilder herangeht. In jedem einzelnen tobt das semiotische Gemetzel der Entscheidungsschlachten des noch jungen Mediums Fotografie. Ist Fotografie überhaupt Kunst? Ist sie der Malerei gegenüber gleichwertig? Darf Fotografie auch das Hässliche zeigen? Sind nackte Körper, öffentlich dargeboten, „unschicklich“? Heute sind all diese Fragen, bis auf die letzte, mit Ja beantwortet. Aber der Weg dahin war voller Turbulenzen, Widersprüche und Grabenkriege. Kenntnisreichtum ist eine wichtige Säule der Sammlung Greenberg. Instinkt und Leidenschaft sind es aber, die ihren Wesenskern ausmachen. So gelingt es ihm, als ausgebuffter Jäger und Sammler, der es aus den No-go-Areas Brooklyns in die feinsten Sammler-Domizile der Upper West Side geschafft hat, die Geschichte der Fotografie von ihren Anfängen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, beinahe ausschließlich mit Schlüsselwerken zu bestücken. Die Champions League ist so gut wie komplett vertreten und wirkt lebendiger als je zuvor: Edward Steichen, Alfred Stieglitz, Man Ray, Walker Evans, Robert Capa zeigen, dass sie kein bisschen gealtert sind, ebenso wie alte Bekannte aus vorangegangenen Ausstellungen des KuK: Berenice Abbott, Bruce Davidson, Vivian Maier oder Horst P. Horst.

Diese Diversität von 120 Premiumwerken, die im Grunde nichts anderes gemeinsam haben als ihre Klasse, stellte die Kuratorin, Nina Mika-Helfmeier, vor schwere Aufgaben. Mit welchen Auswahlkriterien soll man Ordnung in diesen Sack (genialer) Flöhe bringen? Mit welchen dramaturgischen Kniffen, die Werke so an den Museumswänden anbringen, dass sie sich zu einem erzählerischen Flow zusammenfinden?

Die Exponate chronologisch anzuordnen, wäre vielleicht das schlüssigste, aber mit Sicherheit auch das langweiligste Ordnungsprinzip gewesen. Ebenso würde die gängige Ausstellungsdramaturgie, nach thematischen oder ästhetischen Überschneidungen zu gruppieren, bei der schieren Menge und herausragenden Qualität der Exponate, schnell zu Verklumpungen und ermüdenden Wiederholungen führen.

 

Der erlösende Impuls kam aus dem Gedankengut des in der Ausstellung prominent vertretenen Surrealismus. „Exquisite Corpse“ bzw. „Cadavre Exquis“ lautet eine Praxis, die laut dem Obersurrealisten André Breton als Spiel in feuchtfröhlicher Runde begann, schnell aber als Methode erkannt wurde, die Grenzen der individuellen, durch Vernunft beschränkten Fantasie freien Lauf zu lassen und in die von den Surrealisten heißbegehrte Terra Incognita des Unbewussten vorzustoßen.

André Bretons Definition:

„Cadavre Exquis – Spiel mit gefaltetem Papier, in dem es darum geht, einen Satz oder eine Zeichnung durch mehrere Personen konstruieren zu lassen, ohne dass ein Mitspieler von der jeweils vorhergehenden Mitarbeit Kenntnis erlangen kann.“

Ein Spieler zeichnet also etwas, ohne zu wissen was der vorige gezeichnet hat. Das Ergebnis ist dann ein das Individuum transzendierendes Gebilde des kollektiven Unbewussten, ähnlich wie die Produkte, der ebenfalls von den Surrealisten gepflegten Écriture Automatique.

 

Natürlich hat die Kuratorin das Spielprinzip nicht bis ins Letzte als alleiniges Ordnungsprinzip der Ausstellung durchgepeitscht. Ihr Geschmack, ihre Erfahrung und ihr Instinkt haben selbstredend dabei mitgespielt. Aber der Knoten war durchschnitten und das Spiel konnte beginnen.

Wenn man also so will, zeigt die Ausstellung nicht nur herausragende Einzelwerke, sondern einen vielgesichtiges, aus den Tiefen des Unbewussten entstiegenes Gesamtkunstwerk - einen Leviathan - der Fotografie. Oder um es noch feierlicher mit Goethe zu sagen:

„Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt!“

Teil 2 folgt.

Gabor Baksay


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